Stockholm, 30. September 2026 – Der diesjährige Right Livelihood Award, auch als „Alternativer Nobelpreis“ bekannt, geht an Frauen und von Frauen geführte Organisationen, die sich den besonders tief verwurzelten Machtstrukturen unserer Zeit entgegenstellen: autoritärer Herrschaft, patriarchaler Gewalt und einer unkontrollierten Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Was sie verbindet, ist der Widerstand gegen Systeme, die Menschen an den Rand drängen – und die gemeinsame Überzeugung, dass der Mensch wieder in den Mittelpunkt gehört.
Am 1. Dezember 2026 werden in Stockholm geehrt:
Jalila Haider (Pakistan) – „weil sie als erste weibliche Rechtsanwältin ihrer Hazara-Gemeinschaft erfolgreich gegen ethnische, staatliche und patriarchale Verfolgung vorgeht – geleitet von der Überzeugung, dass kein Mensch illegal ist.“
Rural Women’s Assembly (Südliches Afrika) – „weil sie als geeinte Bewegung von Kleinbäuerinnen Land und Saatgut gegen die Enteignung durch internationale Konzerne und körperliche Selbstbestimmung gegen patriarchale Strukturen verteidigt.“
Georgian Young Lawyers’ Association (GYLA, Georgien) – „für den Aufbau und die Verteidigung der Demokratie in Georgien und die Wahrung zivilgesellschaftlicher Handlungsfähigkeit unter autokratischem Druck.“
Timnit Gebru (USA) – „weil sie die bestehende Machtkonzentration im Bereich Künstlicher Intelligenz herausfordert und eine digitale Technologie vorantreibt, die auf Gerechtigkeit, gelebter Erfahrung und menschlicher Selbstbestimmung beruht.“
Ole von Uexküll, Geschäftsführer von Right Livelihood, sagt hierzu:
„Systeme, die dafür gemacht sind, nur wenigen zu dienen, haben keine Zukunft. Dieses Jahr ehren wir Frauen, die nicht auf die Erlaubnis warten zu handeln. Sie schreiben die Regeln neu, von denen Autokraten, Patriarchen und die mächtigsten Männer des Silicon Valley dachten, sie allein bestimmen zu können.“
Die Georgian Young Lawyers’ Association ist die erste Organisation aus Georgien, die mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet wird. Die Preisverleihung am 1. Dezember 2026 wird live übertragen.
Neben Einzelgesprächen, die wir gern vermitteln, haben Sie die Möglichkeit, die Preisträger*innen am Tag der Bekanntgabe in Online-Pressekonferenzen kennenzulernen:
- 10:00 Uhr MESZ (08:00 GMT): Georgian Young Lawyers’ Association (GYLA)
- 11:00 Uhr MESZ (09:00 GMT): Rural Women’s Assembly
- 14:00 Uhr MESZ (12:00 GMT): Jalila Haider
- 18:00 Uhr MESZ (16:00 GMT): Timnit Gebru
Anmeldung zu den Online-Pressekonferenzen.
- Details zu den Preisträgerinnen
- Fotos und Videos
- Pressemappe mit dem aktuellen Right Livelihood-Logo
Für den Right Livelihood Award 2026 wurden 200 Nominierte aus 72 Ländern berücksichtigt. Zu den bisherigen Preisträger*innen zählen die ukrainische Menschenrechtsverteidigerin Oleksandra Matviichuk, der kongolesische Gynäkologe und Frauenrechtsaktivist Dr. Denis Mukwege, der US-amerikanische Bürgerrechtsanwalt Bryan Stevenson und die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg.
Nominierungen für den Right Livelihood Award 2027 können ab sofort eingereicht werden.
Pressekontakte
- Deutschsprachige Medien: Julia Naumann und Nina Tesenfitz, presse@rightlivelihood.org, +49 170 5763 663
- Internationale Medien: Emoke Bebiak, emoke.bebiak@rightlivelihood.org, +41 78 333 84 84, und Sydney Söderqvist, sydney.soderqvist@rightlivelihood.org, +46 73 043 1301
- Fotos & Videos: Max-Michel Kolijn, maxmichel.kolijn@rightlivelihood.org
Kurzbiografien der Preisträgerinnen 2026
Jalila Haider
Jalila Haider gehört der Hazara-Minderheit in Pakistan an und ist Menschenrechtsanwältin und Aktivistin. Sie setzt sich für Bevölkerungsgruppen ein, die besonders von staatlichen Repressionen, patriarchalen Strukturen und ethnischer Gewalt betroffen sind. 2018 führte sie wegen gezielter Tötungen von Hazara einen siebentägigen Hungerstreik an. Der Streik zwang den pakistanischen Armeechef zu direkten Verhandlungen mit Hazara-Frauen. In der Folge gab es nachweislich weniger Angriffe auf die Hazara.
Haider verbindet juristische Arbeit mit Protest und der Stärkung lokaler Gemeinschaften. Sie hat tausenden Menschen – insbesondere Angehörigen ethnischer, sexueller und religiöser Minderheiten sowie Geflüchteten –, die verfolgt oder ignoriert wurden, zu ihrem Recht verholfen. Ihre Kanzlei ermöglichte zudem mehr als 600 politischen Aktivist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen, sich wieder frei bewegen und ihren Aufenthaltsort frei wählen zu können.
Als Mitbegründerin des Women’s Democratic Front (WDF) beteiligte sich Haider am erstem Women’s March in Belutschistan. Mit ihrer Organisation We the Humans verhalf sie mehr als 400 Witwen von Terroropfern, wirtschaftlich unabhängig zu werden. Trotz Inhaftierung, Cyber-Harassment und Morddrohungen setzt Haider ihre Arbeit fort – getragen von ihrer Überzeugung: „Kein Mensch ist illegal.“
Biografische Angaben
Geburtsort: Quetta, Pakistan
Geburtsdatum: 10. Dezember 1984
Ausbildung: University Law College, Quetta (LLB, 2010)
Zitat Jalila Haider:
„Gerechtigkeit ist kein abstraktes Prinzip. Es geht um die Würde, gehört zu werden, die Freiheit zu sprechen und das Recht, ohne Angst zu leben. Ich werde das Recht, meine Solidarität und meine Stimme weiter nutzen, um diese Würde auch anderen zu ermöglichen. Denn wenn das Sprechen einen Preis hat, bedeutet Mut, nicht zuzulassen, dass Schweigen zum Preis des Überlebens wird.“
The Rural Women’s Assembly
The Rural Women’s Assembly vereint als selbstorganisierte, grenzübergreifende Bewegung mehr als 178.000 Kleinbäuerinnen in elf Ländern des südlichen Afrikas. Gemeinsam verteidigen sie Land und Saatgut gegen die Interessen großer Agrarkonzerne und körperliche Selbstbestimmung gegen patriarchale Strukturen. Statt auf eine herkömmliche NGO-Struktur setzt die Bewegung auf eine flache, ehrenamtlich getragene Organisationsform. Auf diese Weise ist eine der größten unabhängigen Plattformen für Landfrauen in der Region entstanden, bekannt als „Guardians of Land, Life, Seed and Love“.
Durch feministische Agrarökologie sowie Ernährung- und Saatgutsouveränität widersetzt sich RWA der Kontrolle regionaler Ernährungssysteme durch internationale Konzerne und stärkt die Widerstandsfähigkeit gegen die Auswirkungen der Klimakatastrophe. Die Bewegung hat 24 Saatgutvermehrungsbetriebeaufgebaut und hunderte einheimische Saatgutsorten katalogisiert, um traditionelle Saatgutsysteme vor Kommerzialisierung zu schützen.
Durch vielfältige, länderübergreifende Unterstützungsstrukturen hat RWA Frauen, denen Landbesitz lange verwehrt blieb, zu einer geeinten und unüberhörbaren politischen Stimme zusammengeführt. Diese hat unter anderem 2016 in Sambia zu einem Gesetz beigetragen, das die gleichberechtigte Landvergabe an Frauen vorsieht, sowie 2018 zum wegweisenden Gesetz gegen sexualisierte und häusliche Gewalt in Eswatini.
Biografische Angaben
Hauptsitz: Kapstadt, Südafrika
Gegründet: 2009
Website: ruralwomensassembly.org
Zitat Mercia Andrews, Regionalkoordinatorin der Rural Women’s Assembly:
„Eine einzelne Stimme kann keinen Berg versetzen; es ist die beharrliche, vereinte Kraft tausender Frauen im ländlichen Raum, die sich zusammenschließen und etwas, das als unverrückbar galt, ins Wanken bringt. Möge diese Anerkennung dazu beitragen, dass die Kämpfe der Frauen in unserer Region zur Blaupause werden – für die Gerechtigkeit, die die Welt der Erde und denen, sie bewirtschaften und bewahren, schuldet.“
Georgian Young Lawyers’ Association (GYLA)
Georgian Young Lawyers’ Association (GYLA) ist die älteste und bekannteste Menschenrechtsorganisation des Landes. Sie wurde 1994 von ehrenamtlich tätigen Jurist*innen gegründet, die an der Erarbeitung der ersten Verfassung des unabhängigen Georgiens mitwirkten. Seither hat die Organisation eine zentrale Rolle im Demokratisierungsprozess gespielt und gilt als moralischer Kompass der georgischen Gesellschaft.
GYLA führt kostenlose Rechtsberatung in Georgien durch und setzt sich auf nationaler und internationaler Ebene für Menschenrechte ein. Die Organisation hat wegweisende juristische Erfolge erzielt, die nachhaltige Veränderungen angestoßen haben – von der Stärkung der Rechte von Menschen mit Behinderungen über den Anspruch jedes Kindes in Georgien auf kostenlose Bildung bis zur Entschädigung von Opfern sowjetischer Repression.
In einem Land mit rund 3,7 Millionen Einwohner*innen ist GYLA mit bislang 1,5 Millionen kostenlosen Rechtsberatungen eine tragende Säule der georgischen Zivilgesellschaft.
Trotz massiver Repressionen durch neue Gesetze wie dem zu „ausländischer Einflussnahme“ will GYLA weiter in Georgien aktiv bleiben. Mit einem verkleinerten Team konzentriert sich die Organisation aktuell auf besonders dringliche Aspekte der Menschenrechtsarbeit.
Biografische Angaben
Sitz: Tiflis, Georgien
Gegründet: 1994
Website: gyla.ge
Zitat Tamar Oniani, Vorsitzende von GYLA:
„Diese Auszeichnung würdigt unsere Rolle beim Aufbau eines demokratischen Landes und erkennt an, was wir geleistet haben, damit besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen in Georgien Zugang zu ihrem Recht erhalten.“
Timnit Gebru
Timnit Gebru ist eine US-amerikanische Informatikerin, die zu Künstlicher Intelligenz (KI) forscht. Sie ist Gründerin des Distributed Artificial Intelligence Research Institute (DAIR). Mit ihrer Arbeit stellt sie die Machtkonzentration im Technologiesektor infrage und zeigt auf, welche Schäden KI-Systeme bereits heute im Alltag diskriminierter und marginalisierter Gruppen verursachen. Gebrus Forschung hat dazu beigetragen, die internationale Debatte auf elementare Fragen wie die nach Zweck, Verantwortlichkeit und Regulierung von KI-Entwicklung zu lenken.
Gebru wurde in Äthiopien als Tochter einer eritreischen Familie geboren. Mit 15 Jahren musste sie wegen des äthiopisch-eritreischen Krieges das Land verlassen und beantragte Asyl in den USA. Eigene Diskriminierungserfahrungen prägten ihr Verständnis, dass Wissenschaft und Technologie nicht neutral sind, sondern vielmehr Ungleichheiten abbilden und festigen können. Sie war Mitbegründerin von Black in AI, einer Initiative, die Sichtbarkeit Schwarzer Menschen in der KI-Forschung stärken will. Gebru arbeitete 2018 bis 2020 für Google AI, wo sie ein Team für ethische Fragen der KI mitleitete. Infolge einer Auseinandersetzung mit dem Management über den Umgang mit einer wegweisenden wissenschaftlichen Arbeit, die vor den Risiken großer Sprachmodelle warnte, wurde sie entlassen.
Bei DAIR verknüpft Gebru heute die Kritik an technologischem Bias mit der Entwicklung alternativer Ansätze. Das dezentrale Modell des Instituts bringt Forschende und Expert*innen über Länder und Kontinente hinweg zusammen. Damit bietet sie einen Gegenentwurf zu den zentralisierten und von Konzerninteressen geprägten Strukturen in der vorherrschenden KI-Entwicklung. Ihr Forschungsansatz basiert auf den Erfahrungen und Bedürfnissen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. Damit erweitert Gebru den Kreis derjenigen, die mitbestimmen, wie Technologie gestaltet wird und welchen Zielen und Werten sie künftig dienen soll.
Biografische Angaben
Geburtsort: Äthiopien
Geburtsjahr: 1983
Ausbildung: PhD in Electrical Engineering, Universität Stanford (USA)
Zitat Timnit Gebru:
„Ich fühle mich sehr geehrt, auf diese Weise Anerkennung zu erfahren, insbesondere für die menschenrechtliche Dimension meiner Arbeit. Ich hoffe, diese Auszeichnung zeigt anderen Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen, dass Wissenschaft Menschenrechte einbeziehen kann. Das schmälert nicht die wissenschaftliche Qualität der Arbeit, sondern macht sie besser. Wissenschaft kann so betrieben werden, dass sie die Menschenrechte achtet und wahrt.“
Über Right Livelihood
Seit über 45 Jahren unterstützt Right Livelihood couragierte Menschen, die sich den drängendsten Herausforderungen unserer Zeit stellen. Jedes Jahr ehrt die Stiftung außergewöhnliche Persönlichkeiten und Organisationen, die sich erfolgreich für Frieden, Nachhaltigkeit und eine gerechte Welt für alle einsetzen.
207 Preisträger*innen aus 82 Ländern haben den Right Livelihood Award bisher erhalten. Damit schafft Right Livelihood ein weltweites, stetig wachsendes Netzwerk engagierter Visionär*innen und fördert nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel.
Der Right Livelihood Award wurde 1980 ins Leben gerufen, nachdem die Nobelstiftung den Vorschlag abgelehnt hatte, auch Persönlichkeiten oder Organisationen zu würdigen, die in den Bereichen Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit Außerordentliches leisten. Insbesondere Changemaker aus dem Globalen Süden sollten mit dem Preis größere Aufmerksamkeit erhalten.
Die Arbeit von Right Livelihood geht weit über die Auszeichnung hinaus: Die Stiftung begleitet ihre Preisträger*innen ein Leben lang, trägt ihre innovativen Lösungsansätze in die Öffentlichkeit, bringt sie mit anderen wichtigen Akteur*innen weltweit zusammen und steht an ihrer Seite, wenn sie Schutz brauchen.
Die Stiftung hat ihren Hauptsitz in Stockholm sowie eine Niederlassung in Genf. Right Livelihood verfügt über den besonderen Konsultativstatus bei den Vereinten Nationen.





